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Ganz schön ausdrucksstark: Pflanzen in Filmszenarien

Silke Buhr Ein Gespräch mit Szenenbildnerin Silke Buhr

Fällt Ihnen ganz spontan eine Filmszene ein, in der Pflanzen eine Rolle spielen? Ja, vielleicht Luc Bessons Film „Léon – Der Profi”. Hier ist eine Calathea – ein tropisches Urwaldgewächs mit herrlich gezeichneten Blättern – ständige Begleiterin des Titelhelden und genießt fast den Status eines Hauptdarstellers. Das ist aber die Ausnahme. Pflanzen bleiben in Filmen in der Regel im Hintergrund und werden vom Zuschauer zumeist nur unbewusst wahrgenommen. Dabei geht ihre Bedeutung doch häufig über die eines reinen Accessoires oder Dekorationselement hinaus. Wir haben mit der Szenenbildnerin Silke Buhr, Trägerin des Deutschen Filmpreises sowie des Bayerischen Filmpreises 2011, über den Einsatz von Pflanzen in Filmszenaren gesprochen.

Frau Buhr, welche Bedeutung können Pflanzen in Filmen haben?

Buhr: Pflanzen stellen in vielen Kulturen eine symbolische Verbindung zu Gefühlen dar. Oft werden sie mit Schönheit, Anerkennung und Sympathie, aber auch Verletzung und Tod in Verbindung gebracht. Nicht zuletzt aufgrund ihrer Symbolkraft sind sie eine gute Ausdrucksmöglichkeit, um Charaktere und Stimmungen in Spielfilmen zu spiegeln. Frische Pflanzen verkünden Gesundheit und Erfolg. Welke Pflanzen wirken dagegen deprimierend, können etwas über Trauer, Misserfolg oder Vergänglichkeit erzählen. Positive Gefühle und Gedanken können besonders durch blühende Gewächse zum Ausdruck gebracht werden: Orchideen drücken beispielsweise Wohlstand aus, Lilien können sowohl für Reinheit als auch Trauer stehen und rote Rosen sind überall ein Zeichen der Liebe. In nahezu allen Filmen von Alfred Hitchcock tauchen diese ausdrucksstarken Blumen in entscheidenden Szenen auf. Stark symbolträchtige Pflanzen sollten in Filmen nur mit Bedacht eingesetzt werden – also nicht als pure Dekoration. Sonst legt man dem Zuschauer möglicherweise falsche Fährten. Ein Topf oder Strauß mit roten Rosen wirft selbst bei den größten Pflanzenlaien immer sofort die Frage nach einer Liebesbeziehung auf.

Man sagt: „Die Wohnung ist der Spiegel der Seele”. Welche Rolle können Zimmerpflanzen bei der Charakterisierung einer Figur und deren Zuhause spielen?

Buhr: Zimmerpflanzen können – neben anderen Einrichtungsgegenständen – eine Ausdrucksform sein, die den Charakter der Hauptfigur unterstreicht oder spiegelt: Einer Filmfigur, deren Zimmerpflanzen gesund sind und gut gedeihen, werden vom Zuschauer Charaktereigenschaften wie z.B. Häuslichkeit oder Zuverlässigkeit zugesprochen. Wild wachsende, ungezügelte Pflanzen können für den Wunsch nach Natürlichkeit, Ungebundenheit, Abenteuerlust stehen. Wenn sich dagegen jemand mit übertriebener Sorgfalt der Pflanzenpflege widmet und die Gewächse stark beschneidet, kann dieses darauf hinweisen, dass die Figur ihr eigenes Leben oder das Leben anderer zu sehr plant und kontrolliert. Unordnung oder Chaos – durch die organische Form der Pflanze symbolisiert – kann hier nicht akzeptiert werden. Ein gutes Beispiel dafür ist Jaque Tatis Film „Mein Onkel”. Ich persönlich arbeite gern mit welken oder vertrockneten Pflanzen um die Brüchigkeit, Verlogenheit oder Falschheit in einem Leben, einer Beziehung oder einer Familie darzustellen. Filmfiguren, die mit solchen Pflanzen leben, sind nicht mehr bereit, sich umeinander oder um irgendetwas zu kümmern. Bei ihnen besteht eine Nachlässigkeit und Desinteresse am lebendigen Gegenüber.

Es gibt aber auch Filme, in denen überhaupt keine Zimmerpflanzen eingesetzt werden.

Buhr: Das komplette Fehlen von Zimmerpflanzen sagt natürlich auch etwas über den Bewohner eines Hauses aus. Einem Charakter wie beispielsweise dem etwas schmuddeligen Kommissar Schimanski würde man nicht abnehmen, dass er mit Pflanzen lebt. Bei der Ausstattung des Films „Vier Minuten” habe ich in der Wohnung der Klavierlehrerin Traude Krüger – gespielt von Monika Bleibtreu – auch ganz bewusst auf Pflanzen verzichtet. In ihrer Welt, in der alles statisch und kontrolliert ist, ist für Frische und Vitalität – Eigenschaften, die eine Pflanze mitbringt – kein Platz. Manchmal ist der Verzicht auf Pflanzen im Szenenbild aber auch einfach nur eine Frage der Raumästhetik bzw. Fokussierung auf Handlung und Darsteller. Durch ihr Eigenleben, ihre kräftigen Farben und ungewöhnlichen Formen können Topfpflanzen manchmal von der Aufmerksamkeit auf den Hauptdarsteller ablenken. Das ist oft nicht gewünscht und leider häufig ein Grund, warum sie kurzerhand vom Set entfernt werden.

Dennoch gibt es triftige Gründe, Pflanzen in Filmen einzusetzen, oder?

Buhr: Jenseits von Symbolen und Metaphern hat der Szenenbildner die Möglichkeit durch den Einsatz von Pflanzen die Filmhandlung voran zu treiben. Anders als andere Einrichtungsgegenstände verändern sich Zimmerpflanzen und können so deutlich machen, wie die Zeit vergeht. Wenn zum Beispiel in der Hauptdekoration des TV-Zweiteilers „Contergan” meine Kollegin Ingrid Henn den Gummibaum in der Anwaltskanzlei über die Länge des Films deutlich größer werden lässt, wird dem Zuschauer elegant und ohne zusätzliche Einblendung oder erklärende Worte klar gemacht, dass von einer Szene zur nächsten einige Jahre vergangen sind. Aber nicht nur für den Zuschauer sondern beispielsweise auch für einen Tatort-Kommissar sind Pflanzen häufig ein Indiz für das Voranschreiten von Zeit. Findet der Ermittler in einer ansonsten gepflegten Wohnung nur noch verwelkte Pflanzen vor, kann er davon ausgehen, dass der Bewohner schon lange nicht mehr dort war oder evtl. sogar schon seit geraumer Zeit tot ist. Da Zimmerpflanzen genau wie Möbel und Wohnaccessoires bestimmten Moden unterworfen sind, kann man mit ihnen außerdem dem Look eines „historischen” Filmes Authentizität verleihen. Mit Sansevierien gelingt es beispielsweise hervorragend Wohnwelten der 1960-er Jahre, mit Grünlilien-Blumenampeln die 1970-er Jahre oder mit einem Ficus benjamina die 1980-er Jahre zu identifizieren.

Vielen Dank für das Gespräch.

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